Zwischen Österreich, Italien und der Schweiz erstreckt sich eine Berglandschaft, die zu den eindrucksvollsten Wanderregionen Tirols zählt. Rund um Nauders führen Wege über Höhenrücken, durch Lärchenwälder und zu stillen Almen. Eine Tour sticht besonders hervor: die Edelweißwanderung zur Fluchtwand.

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Christian, mein Wanderbegleiter und Tiroler Urgestein, bleibt abrupt stehen. Ohne ein Wort zu sagen, zeigt er auf einen unscheinbaren Felshang oberhalb des Wegs. Erst auf den zweiten Blick wird klar, was er meint. Zwischen grauem Schiefer und den letzten Polstern des Alpenrasens leuchten kleine weiße Sterne.
»Da sind sie«, sagt er. »Viele wandern einfach vorbei.« Es ist kurz nach neun Uhr morgens auf dem Weg zur Fluchtwand oberhalb von Nauders. Die Sonne steht noch tief über den Gipfeln des Dreiländerecks zwischen Österreich, Italien und der Schweiz. Der Wind trägt den Duft von frischem Gras über die Hänge, irgendwo singt ein Kuckuck sein Morgenlied. Und hier, auf rund 2.200 Metern Höhe, wächst jene Pflanze, wegen der jedes Jahr Wanderer aus ganz Europa anreisen: Edelweiß.
Wer den bekannten Edelweißsteig und die Edelweißwanderung zur Fluchtwand begeht, erlebt weit mehr als eine Bergtour. Es ist eine Reise durch eine Landschaft, die an manchen Stellen wirkt, als sei sie eigens für Postkarten erfunden worden. Schroffe Gipfel wechseln sich mit sanften Almböden ab, Lärchenwälder gehen in weite Hochflächen über, und immer wieder öffnet sich der Blick auf drei Länder gleichzeitig. Rund um Nauders zählt die Region zu den bekanntesten Edelweißgebieten der Alpen. Im Juli und August blühen entlang des Wegs ganze Bestände der streng geschützten Alpenpflanze.
Der Tag beginnt im Dorfzentrum von Nauders. Ich schnüre meine Schuhe, justiere meinen Rucksack und werfe noch einen letzten Blick auf den Wetterbericht. Von hier führt der Weg zunächst hinauf zum Parditschhof und weiter Richtung Bazahler Kopf. Die Route zur Fluchtwand umfasst rund 15 Kilometer und etwa 900 Höhenmeter.
Wer die schwierigere Variante über den eigentlichen Edelweißsteig wählt, benötigt Schwindelfreiheit und Trittsicherheit. Stahlseile und Trittbügel sichern die ausgesetzten Passagen entlang der Bergkante.
Edelweiß auf der Spur
Noch aber ist der Weg sanft. Pferde grasen auf den Wiesen. Hinter uns schrumpft Nauders langsam zu einem Fleck aus roten Dächern. »Viele kommen wegen der Aussicht«, sagt Christian, der in Nauders aufgewachsen ist. »Und am Ende schwärmen alle von der Vegetation.«
Tatsächlich besitzt das Edelweiß bis heute eine beinahe magische Anziehungskraft. Jahrzehntelang galt die Pflanze als Symbol für Mut und Abenteuer. Wer früher ein Edelweiß verschenkte, bewies damit, dass er bereit war, für seine Liebste gefährliche Felswände zu erklimmen. Heute darf niemand die Pflanzen pflücken. Das Edelweiß steht unter strengem Naturschutz. Fotografieren ist erlaubt, berühren besser nicht. Je höher sich der Weg in weiten Schleifen den Hang emporwindet, desto stiller wird die Landschaft. Die letzten Lärchen bleiben zurück. Im Süden ragen die Gipfel des Vinschgaus in den Himmel, im Westen reicht der Blick bis ins Engadin. Von manchen Punkten aus scheint das Dreiländereck zum Greifen nah.
INFO Auch im Winter eine Reise wert: Das Skigebiet Nauders am Reschenpass bietet Pisten für Anfänger und Fortgeschrittene, zusammenhängende Abfahrten und moderne Liftanlagen.
Auf den letzten Höhenmetern verändert sich die Landschaft beinahe unmerklich. Die Wiesen werden karger, die Farben zurückhaltender. Statt sattgrüner Almböden dominieren nun graue Felsen, dazwischen stehen niedrige Polsterpflanzen, die sich an den Berg klammern. Der Weg zieht sich sanft ansteigend parallel zur Hangflanke den Berg hinauf. Jeder Schritt eröffnet neue Perspektiven.
»Schau mal dort drüben«, sagt Christian und deutet nach Westen. Am Horizont zeichnen sich die Gipfel des Engadins gegen den Himmel ab. Die Konturen wirken im klaren Morgenlicht gestochen scharf. Tief unten schlängelt sich die Straße über den Reschenpass. Von hier oben sehen Autos aus wie Spielzeuge.
»Das ist das Schöne an den Bergen«, denke ich. »Sie stehen hier seit Tausenden von Jahren und sehen trotzdem jeden Tag anders aus.«
Weiter, Natur und Gelassenheit
Tatsächlich verändert sich die Stimmung ständig. Innerhalb weniger Minuten schieben sich Wolken vor die Sonne, lassen einzelne Hänge aufleuchten und andere im Schatten verschwinden.
In solchen Augenblicken zeigt sich, warum Wandern in Nauders weit mehr ist als Bewegung in der Natur. Die Region besitzt eine selten gewordene Ruhe. Anders als in vielen bekannten Alpenorten gibt es hier noch Wege, auf denen man stundenlang unterwegs sein kann, ohne größeren Gruppen zu begegnen. Wer innehält, hört nicht viel mehr als das Rascheln des Grases und das ferne Läuten einer Glocke.
Diese Ursprünglichkeit schätzen auch die Einheimischen. »Manche Gäste kommen seit zwanzig Jahren immer wieder zur Edelweißblüte «, sagt Christian. »Sie kennen jeden Weg, jeden Gipfel – und entdecken trotzdem jedes Mal etwas Neues. Im Frühjahr blühen hier unter anderem der Enzian, die Teufelskralle – und jede Menge Löwenzahn.«
Darin liegt die Faszination dieser Bergwelt. Es sind nicht die Superlative, die Nauders auszeichnen. Nicht der höchste Gipfel, nicht die spektakulärste Hütte, nicht die längste Route. Es ist vielmehr das Zusammenspiel aus Weite, Natur und Gelassenheit. Während vielerorts Rekorde und Attraktionen um Aufmerksamkeit konkurrieren, setzt die Region auf etwas anderes: auf die Kraft der Landschaft selbst. Wer den Blick über drei Länder schweifen lässt, versteht schnell, warum das funktioniert. Die Berge brauchen hier keine Inszenierung. Sie erzählen ihre Geschichten selbst – in den Formen der Felsen, in den Spuren alter Almwege und in den kleinen weißen Blütensternen, die seit Jahrhunderten zwischen den Steinen wachsen.
Gipfel Fluchtwand
Dann kommt die Fluchtwand. Mit ihren 2.328 Metern gehört sie nicht zu den höchsten Bergen Tirols. Aber vielleicht zu den schönsten Aussichtsbalkonen. Tibetische Flaggen flattern aufgeregt im Wind. Tief unten schimmert Nauders. Dahinter ziehen Wolkenschatten über die Bergketten. Ich setze mich ins Gras und blicke schweigend in die Ferne. »Man merkt hier oben, wie klein der Alltag eigentlich ist«, schießt es mir durch den Kopf. Dieser Gedanke holt mich bei Bergtouren jedes Mal aufs Neue ein.
Doch der Edelweißweg ist nur eine von vielen Touren, die Nauders zu einem der spannendsten Wandergebiete Tirols machen. Zu den Klassikern gehört der Nauderer Höhenweg. Auf rund 18 Kilometern verläuft die Route meist oberhalb der Waldgrenze zwischen der Bergkastelbahn und der Labaunalm. Zirbenwälder, Almwiesen und ständig wechselnde Ausblicke machen ihn zu einer der schönsten Panoramawanderungen der Region. Anspruchsvoller präsentiert sich die Tour auf die Ebene (2.555 Meter). Der Gipfel zählt zu den beliebtesten Aussichtspunkten rund um Nauders und bietet einen weiten Blick über das obere Inntal. Wer alpine Seen liebt, sollte die Pfade zu den Goldseen und auf die Bergkastelspitze unter die Sohlen nehmen. Die dunklen Wasserflächen spiegeln bei Windstille und Sonne die umliegenden Gipfel. Die Bergkastelspitze gilt hingegen als schweißtreibende Bergtour für Schwindelfreie und Trittsichere. Eine weitere Besonderheit ist der Höhenweg zum Dreiländergrenzstein. Kaum eine Wanderung macht die geografische Lage von Nauders so erlebbar. Hier prallen Österreich, Italien und die Schweiz aufeinander.
Als die Nachmittagssonne die Hänge oberhalb von Nauders in ein goldenes Licht taucht, kehren wir mit leichten Rucksäcken und schweren Beinen ins Tal zurück. Und irgendwo dort oben, zwischen Felsen und Almgras, stehen die weißen Sterne des Edelweiß. Unbeeindruckt von Gipfelzielen. Vielleicht ist genau das ihr Geheimnis.


