Entspannte Wandertage in den Südvogesen

»Klein Finnland« in Frankreich. Mit Hochplateau und Mooren, Tümpeln und Wäldern. Was überraschend klingt, ist es auch. Im besten Sinne: Die 220 Quadratmeter große Region »Plateau des 1.000 Étangs« am Rande der Südvogesen wartet mit viel Ruhe, gut markierten Spazier- und Wanderwegen und einer Landschaft auf, die tatsächlich an den hohen Norden erinnert.

TEXT/BILDER: ANDREA C. BAYER

Welch ein Moment! Wie schüchterne Fabelwesen durchbrechen die nadeligen Arme der Bäume vor mir den grauen Schleier. Ich vermag nicht zu unterscheiden, was Restregen, was Nebel und was tiefhängende Wolken sind, während sich ein Baumwesen nach dem anderen aus dem wattigen Etwas schält. Sattes Grasgrün und Ginstergelb gesellen sich zu meinem Bühnenbild. Mir scheint, sie spielen heute die Rolle der Wegweiser. Ich schreite zwischen ihnen hindurch. Der noch vor wenigen Augenblicken mit großer Kraft auf mich herab prasselnde Regen lässt nach. Noch etwas zögerlich schiebe ich meine Kapuze nach hinten, hebe den Blick – und beginne, meinen Logenplatz in diesem Naturtheater zu genießen.

Es war die richtige Entscheidung, trotz fieser Wetterprognose in Belfahy, am nordöstlichen Rand der südlichen Vogesen, loszugehen. Ich nehme wahr, wie immer mehr Helligkeit durch die mich umgebenden Schwaden dringt. Auf den Wiesen erstrahlt das Blau-Violett der Lupinen und Teufelskrallen; an ihren Blütenblättern glänzen Wassertropfen. Nur wenige Meter weiter oben ziehen Wolkenbänder vor Waldrändern entlang, als würden sie im Zeitraffertempo das Auf- und Zuziehen von Bühnenvorhängen üben. Ein – dem Gepäck nach – Weitwanderer kommt mir entgegen. Es wird die einzige Begegnung hier draußen sein an diesem Tag. Mein Ruhe-in-der-Natur-Bedürfnis wird vollumfänglich gestillt.

Relikte der Eiszeit

Die »Runde um Belfahy« ist meine vierte kleine Solo-Wanderung auf dem »Plateau des 1.000 Étangs«. Die Region der 1.000 Teiche ist ein Relikt der letzten Eiszeit: Das Abschmelzen der Gletscher formte eine Landschaft aus Gräben, Mulden und Bächen, aus denen über die Jahrtausende rund 1.600 Tümpel und Moorflächen wurden. Auch der Mensch hat hierbei geholfen: Im Mittelalter wurden auf Initiative von Mönchen weitere Teiche angelegt, um Fischzucht zu betreiben. Bis heute ist die gesamte Region eine sehr ländliche. Sanft hügelige Flächen und dichte Wälder erstrecken sich rund um die vielen Tümpel und Feuchtgebiete in Höhenlagen von bis zu 1.000 Metern.

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