So homogen die Ostsee-Region auf den ersten Blick auch scheinen mag, hat jedes der drei Länder mit insgesamt 15 Nationalparks auch seine Alleinstellungsmerkmale. Litauen lockt mit der Hälfte der
100 Kilometer langen Kurischen Nehrung und über 50 Meter hohen Sanddünen. Lettland punktet mit einem wunderbaren Flussnationalpark und mondänen Ostseebädern. Das nördlichste und kleinste Land, Estland, imponiert mit einer großen Inselwelt.

Franz und ich stehen im Zentrum von Vilnius gleich neben der Kathedrale auf einem unscheinbaren steinernen Fußabdruck mit einer historischen Dimension. Über 2 Millionen Balten bildeten von hier aus singend über 650 Kilometer lang die längste Menschenkette aller Zeiten von Riga bis nach Tallinn, die »Via Baltica«!
Damit startete die Kettenreaktion zur erneuten Unabhängigkeit der drei Länder von der sowjetischen Besetzung. Daneben ist ein weiterer Stein im Boden mit der Aufschrift »STEBUKLAS« eingelassen. Auf Litauisch bedeutet das Wort »Wunder«. Ich drehe mich auf ihm zweimal um die eigene Achse und habe nun einen Wunsch frei! Bevor wir auf Radreise gehen, wünsche ich uns eine sichere und pannenfreie Radtour mit unseren neuen Falträdern. Nachdem wir uns in der pulsierenden litauischen Hauptstadt weitere Sehenswürdigkeiten angesehen haben, radeln wir am Neris-Flussradweg vorbei an einigen Wolkenkratzern nach Süden in den idyllischen Historischen Nationalpark Trakai.
Inmitten einer kleinen, von Wäldern umrahmten Seenlandschaft liegt die märchenhafte Inselburg. Ihre strategisch günstige Lage lässt sich am besten von einem gemieteten Tretboot aus ermessen. In den Abendstunden bringt die tief stehende Sonne den wunderschön restaurierten Backsteinbau in einem leuchtenden Orange zum Strahlen. Nur wenige Fahrradkilometer weiter finden wir am Ufer eines benachbarten Sees einen ruhigen Platz zum Zelten. Tags darauf steht eine längere Etappe in Richtung der zweitgrößten Stadt Litauens, Kaunas, auf dem Programm.
Um der Hauptverkehrsader zu entgehen, weichen wir auf eine Piste durch einen dichten Kiefernwald aus. Sehr bald machen sich unsere breiten, pannenfesten 20-Zoll-Reifen auf der Piste bezahlt! Zusätzlich zum »Wellblech«, das uns Radfahrer gründlich durchschüttelt, lauern immer wieder kurze, tiefere, sandige Abschnitte. Dieses Terrain fordert uns wegen der doch relativ kleinen Räder ein Höchstmaß an Konzentration und Balance ab! Es ist beim Kartenstudium anhand der weiß dünn eingezeichneten Straßen erst vor Ort zu sehen, ob es sich trotzdem um Asphalt oder mehr oder weniger schwierige Pisten handelt, die das Fortkommen drastisch erschweren.
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