Zwei Tage Wald am Wispertaunussteig

Von der Quelle bis zur Mündung

Nahe am Rhein-Main-Gebiet und doch erstaunlich entlegen: Der Wispertaunussteig führt in zwei Tagen von einer unscheinbaren Quelle zum großen Strom. Durch wildreiche Wälder, tief eingekerbte Seitentäler und zu Aussichten, für die sich das Schwitzen lohnt.

TEXT/BILDER: BEATE WAND

Neben der Picknickbank kerbt sich eine schlammige Rinne in den grasbewachsenen Waldboden. Sie endet vor einem gemauerten Absatz mit Gullydeckel. Ohne das Holzbrett mit der weißen Aufschrift »Wisperquelle« wäre ich vermutlich achtlos an dem Rinnsal vorbeigelaufen, obwohl ich kurz zuvor am Sportplatz von Kemel auf den Wispertaunussteig gestartet bin. Zwei Tage und 44 Kilometer später sollte ich am steinigen Flachufer von Lorch stehen und beobachten, wie sich das Wisperwasser mit dem Rhein mischt.

Hinter der nächsten Linksbiegung zieht sich ein Wiesental abwärts. Tief herabhängende, dicht belaubte Kronen säumen es, im Dunst der Ferne buckeln sich bewaldete Höhen. Durch die tiefste Stelle der Wiese fließt die armbreite Wisper. Versteckt zwischen weiß blühendem Mädesüß und anderen Hochstauden gluckst sie leise. Ein Zaun hält die weidenden Rinder davon ab, hineinzutreten, während ein Schachbrettfalter von Blüte zu Blüte flattert.

Der erste Rundweg, der auf den Streckenweg trifft, heißt »Wisper Outback«. Der Name passt zu den hohen Gräsern, die sich im Wind wiegen. Obwohl der Wispertaunus am Rand des Ballungsraums Rhein-Main liegt, führt die Gegend eher ein Schattendasein. Robert Carrera erkundete sie jahrelang auf dem Mountainbike. Als Veranstalter von Südamerika-Reisen hatte er einen Blick für touristisches Potenzial – und sah mit Sorge, wie im Wispertaunus die ohnehin schwache Infrastruktur weiter bröckelte. Am Rhein zog der Rheinsteig Wandernde an. Warum nicht einige davon ins Hinterland locken? Seine Idee: ein Weitwanderweg als Rückgrat, um das sich mehrere Rundwege gruppieren – die Wisper Trails.

Der Fluss wächst

In einem Waldstück kurvt die klare Wisper schon und schürft an ihren kleinen Prallhängen Wurzeln frei. Ihr Murmeln wird lauter. Der Weg steigt erstmals an, zum Fachwerk-Backes von Wisper, einem Hundert-Seelen- Dorf, das so heißt wie der Fluss. Die Glocke im geschindelten Dachreiter läutet bis heute zum Jahreswechsel. Vorbei am Briefkasten, der immerhin jeden Morgen geleert wird, blitzt hinter dem Dorf auf, was den Wispertaunus ausmacht: Der Pfad schlängelt sich über einen Kamm, aus dem schräg gestellte Klippen aus Schiefer und Taunusquarzit gucken, teils von Moos überkrustet. Zwischen Hainbuchen und Eichen fällt Sonnenlicht auf den Waldboden und lässt die Rispen der Wald-Hainsimse golden aufleuchten.

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