Brescia – Landschaftsidyll für ambitionierte Wanderer

Die unbekannte Bergwelt der Lombardei

Zwischen schroffen Gipfeln und stillen Bergseen, zwischen alten Almhütten und den Relikten des Kalten Kriegs liegt eine Lombardei, die kaum jemand kennt. Nördlich von Brescia führen Wanderwege durch eine ursprüngliche Bergwelt: eine, in der Kuhglocken bimmeln, Gebirgsbäche rauschen und in den Rifugi die Pasta dampft. Drei Tage geht es durch die Täler der Valli di Brescia – dort, wo die Alpen ihre eigene Geschichte erzählen.

TEXT/BILDER: KATHARINA BAUS

Die Wolken hängen tief über den Bergen. Graue Schwaden schieben sich ineinander, zerreißen kurz und geben den Blick auf ein sattes Grün frei, das unter dem dramatischen Himmel beinahe unwirklich leuchtet. Der Wind zerrt an meiner Kapuze. Ich ziehe sie tiefer ins Gesicht. Unter meinen Wanderschuhen knirscht der Schotter der Wege rund um den Passo del Maniva. Wir sind rund 50 Kilometer nördlich von Brescia unterwegs, mitten in der norditalienischen Lombardei. Mein Begleiter Cristian kennt diese Gegend seit seiner Kindheit. Er ist in Brescia aufgewachsen und hat als Wanderführer schon Menschen über Pfade auf der ganzen Welt geleitet.

Heute zeigt er mir eine Landschaft, die im Schatten großer Namen steht und gerade deshalb ihren eigenen Reiz bewahrt hat. Denn wer Lombardei hört, denkt meist an Mailand, an Mode und Design, an Geschäfte, Banken und belebten Straßen. Oder an die großen Seen am Alpenrand: den Comer See, den Lago Maggiore, den Gardasee und den Iseosee. Dass sich nur wenige Dutzend Kilometer weiter nördlich eine Bergwelt auftut, die mit ihren Gipfeln, Almwiesen und abgelegenen Tälern den großen Alpenkulissen in nichts nachsteht, wissen erstaunlich wenige.

Der Passo del Maniva windet sich in weiten Kehren durch die Berge und verbindet die Gebiete zwischen dem Val Trompia und dem Val Caffaro. Hier oben, auf 1.664 Metern, scheint die Welt einen Gang herunterzuschalten. Offene Weideflächen, felsige Grate und kleine Bergseen, die sich in die Landschaft schmiegen. Bäche gurgeln zwischen Steinen, Wasserfälle rauschen über Felsstufen, irgendwo bimmeln Kuhglocken. »Die Szenerie bedient jedes Bergklischee«, denke ich – und ist gerade deshalb so schön.

»Im Sommer überziehen bunte Blütenteppiche die alpine Landschaft«, sagt Cristian. Er kennt die alpine Botanik ebenso gut wie die Wege unter seinen Füßen. Doch seine Begeisterung endet nicht bei den Pflanzen. Sie reicht bis in die Küchen der Berghütten, zu den Käselaiben der Almen und zu den Gerichten, die seit Generationen zur Bergregion gehören. Die traditionelle Almwirtschaft, erklärt er, spielt hier noch immer eine wichtige Rolle. Vor allem bei der Herstellung regionaler Käsespezialitäten wie Silter oder Fatulì im Camonica- Tal, Nostrano im Trompia-Tal oder Bagòss im Sabbia-Tal.

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