Riemenschneider-Altäre, eine Galerie barocker Zwerge und eine Wendeltreppe, die bis in den Himmel führt: Das Taubertal steckt voller Überraschungen. Wer hier wandert, lernt rasch, dass siebzig Kilometer für eine Auszeit vom Alltag völlig ausreichen.

Eilig hat es die Tauber nicht. Sie schlängelt sich gemächlich durch ein Tal, das die Romantiker des 19. Jahrhunderts beharrlich als »lieblich« besungen haben. So beharrlich, dass das Adjektiv längst zu einem festen Bestandteil des Namens geworden ist. Dem Taubertal-Panoramaweg sagt man nach, dass er einer der schönsten Wanderwege Deutschlands ist. Ich habe drei Tage lang Zeit, um herauszufinden, ob das zutrifft, und werde dem Fluss von der Stadtmauer Rothenburgs durch Weinberge und Buchenwälder bis zu den Heilquellen von Bad Mergentheim folgen.
Von Rothenburg nach Creglingen
Vom Bahnhof in Rothenburg ob der Tauber bis ins Mittelalter braucht man zu Fuß keine Viertelstunde. Ich folge der Ansbacher Straße bis zur Röderbastei, dem östlichen Zugang zur Altstadt. Es ist aber nicht einfach nur ein Stadttor, sondern eine ganze Verteidigungsanlage aus Wachhäuschen, Fanghof, Brücke und Torturm sowie einem markanten Wehrerker.
Rothenburg ob der Tauber ist eine der wenigen deutschen Städte, deren mittelalterlicher Stadtring vollständig erhalten geblieben ist, und vor mir liegt mit der Rödergasse eine der schönsten Gassen der Altstadt. Links und rechts stehen die Fachwerkhäuser mit kunstvoll verzierten Giebeln Spalier, und vor dem Ensemble aus Brunnen, Markusturm und Röderbogen bleibt das japanische Reisepaar, dessen Rollkoffer vor mir über das Kopfsteinpflaster klappert, ebenso stehen wie ich, um die romantische Ansicht im Bild zu verewigen.
Einzustecken braucht man das Smartphone anschließend nicht, denn das nächste Motiv liegt nur ein paar Schritte entfernt. Auf dem Marktplatz empfängt mich die prächtige Renaissance- Fassade des Rathauses. Gegenüber reihen sich Patrizierhäuser auf, eines prunkvoller als das andere. Ein besonderer Blickfang ist der Giebel der Ratstrinkstube, und da gerade die volle Stunde geschlagen hat, stehen die Fensterläden links und rechts neben der Uhr offen und geben den Blick frei auf eine wichtige Szene der Stadtgeschichte, den sogenannten »Meistertrunk«. Der Legende nach soll der Bürgermeister die Stadt im Dreißigjährigen Krieg vor der Zerstörung gerettet haben, weil er die Wette mit dem gegnerischen General Tilly gewann und einen 3,25-Liter-Humpen Wein in einem einzigen Zug leertrank.
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