Hochtour auf den Pigne d‘Arolla im Schweizer Wallis

Wenn der Berg das letzte Wort behält

Noch vor Sonnenaufgang beginnt der Aufstieg auf den Pigne d‘Arolla (3.787 m). Über den Gletscher führt der Weg durch eine Welt aus Eis, Stille und schwindendem Licht. Doch im Hochgebirge entscheidet nicht der Gipfel über den Wert einer Tour, sondern die Bereitschaft, im richtigen Moment umzudrehen.

TEXT/BILDER: KATHARINA BAUS

Biep, biep, biep.« Um drei Uhr nachts klingelt der Wecker. Meine Hand findet zur Brille. Ich falle in die Kleider. Um drei Uhr morgens klingt die Schweizer Berghütte Cabane des Dix wie ein Bienenstock. Türen schlagen, Karabiner klirren. Der Geruch von Instantkaffee mischt sich mit dem von Bircher Müsli. Menschen aus halb Europa sitzen dicht gedrängt an den Holztischen. Französisch, Deutsch, Niederländisch und Finnisch verweben sich zu einem vielsprachigen Grundrauschen. Draußen liegt das Hochgebirge noch im Schlaf. Nur die Pigne d’Arolla (3.787 m), unser Tagesziel und ein beliebter Gipfel im Wallis, scheint bereits wach. Im Mondlicht zeichnen sich ihre vergletscherten Flanken als helle Konturen gegen den schwarzen Himmel ab. Mächtige Gletscher ziehen sich sternförmig talwärts, von Schnee überdeckt, durchsetzt mit dunklen Geröllinseln. Es ist eine Landschaft von archaischer Schönheit. Wer einen Gletscher sicher überqueren will, startet vor Sonnenaufgang. Solange die nächtliche Kälte den Schnee gefriert, tragen die Schneebrücken über den verdeckten Spalten das Gewicht der Bergsteiger. Mit der Sonne verlieren sie ihre Stabilität. Dann entscheidet oft der Zufall darüber, welcher Schritt trägt.

Unsere kleine Gruppe macht sich deshalb mitten in der Nacht auf den Weg. Wir sind zu viert, alle Mitte bis Ende 30, dazu Maya, eine Labradorhündin, die ihren Platz in der Seilschaft mit einer Ruhe einnimmt, als gehöre sie seit Jahren dazu. Lea, Psychologin aus Köln, ist eigens für die Tour angereist. Daniel hat uns in Freiburg eingesammelt, Carina ist eine Freundin von ihm. Keiner von uns bringt nennenswerte Hochtourenerfahrung mit, doch die Pigne d’Arolla gilt als machbarer Einstieg in die Welt der vergletscherten Gipfel.

Gerade ihre Lage macht sie so besonders: umgeben von Gletschern, mit weitem Blick auf das Matterhorn, die Dent Blanche, das Zinalrothorn und das Weisshorn, die Mont Blanc-Gruppe und tief hinein ins Val d’Hérens. Außerdem ist die Pigne d’Arolla Teil der Haute Route, eine der berühmtesten hochalpinen Touren der Alpen, die das französische Chamonix mit dem Schweizer Zermatt verbindet. Besonders im Frühjahr, wenn die Hänge noch gut eingeschneit sind und die Tage länger werden, zieht die Haute Route erfahrene Skitourengeher aus aller Welt an. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde sie das erste Mal mit Ski begangen und ist bis heute die berühmteste Mehrtagesskitour der Region. Sie wird jedes Jahr von Anfang März bis weit in den Mai hinein – so es die Bedingungen erlauben – von in etwa 2.000 Skibergsteigern aufgesucht. Ein Schweizer Bergführer hat es so ausgedrückt: »Früher oder später will fast jeder Skitourengeher wenigstens einmal im Leben die Haute Route gehen.«

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