Die Bikepacking-Tour Turin-Nizza gilt als eine der schönsten und zugleich härtesten Graveltouren in ganz Europa. Auf dem Weg von Turin nach Nizza wird nahezu jeder verfügbare Bergpass und jede staubige Militärstraße mitgenommen, die es gibt. Klingt verlockend? Und wie!

Die ersten Sonnenstrahlen erreichen unser Camp, der letzte Morgen auf der Bikepacking Rallye Turin-Nizza bricht an. Unsere vier Zelte stehen von Pinienbäumen umsäumt auf einem Bergrücken, nur wenige Meter auf der einen Seite von einem steilen Abgrund entfernt. Vor uns glitzert in naher Ferne das Mittelmeer, hinter uns liegen majestätisch die Seealpen. In Alexʼ Zelt raschelt es: »I will come out when the coffee is ready!« Ich stehe neben Boran, einen der beiden lustigen Kroaten, die wir unterwegs aufgegabelt haben und sage: »I don’t need coffee, I don’t drink it.« Boran lacht: »Of course you donʼt need coffee, because you run on nuclear power!« Ich grinse zurück. Morgensonne im Gesicht, Schmutz und Schweiß überall, schmerzende Beine, ein verstaubtes Rad mit quietschenden Bremsen. Schon lange habe ich mich nicht mehr so lebendig gefühlt. Und bei dieser Tour waren es nicht die zähen, holprigen Offroadstrecken oder die utopische Anzahl an Höhenmetern, welche dieses Abenteuer so einzigartig machten. Es waren die Menschen, denen wir entlang des Weges begegneten, mit denen wir radelten, lachten und unser Nachtlager aufschlugen, Sternschnuppen suchten und fanden.
Die Sache mit dem »eigentlich« …
Es fing mal wieder mit diesen »eigentlichs« an. Eigentlich wollte ich nach der Lofotendurchradelung mit Hund keine Holperpisten-Bikepacking Tour machen, wenn sich die Mindestdosis an täglichen Höhenmetern im mittleren 2.000er-Bereich bewegt. Obwohl die Turin- Nizza Rallye mir schon seit einigen Jahren ein Begriff ist, habe ich diese aufgrund der zu erwartenden Schinderei nicht weiter beachtet. Genauso »eigentlich« wollte ich, solange ich meine Fellnase noch habe, keinen Paragleitschein machen. Tja, aber wie ist das mit den »eigentlichs« … Nachdem mich Ende Juli Alex gefragt hat, ob ich mit ihm die Turin-Nizza Rallye fahren möchte, stehe ich nun Mitte August bei 35 Grad in Turin, mit meinem bepackten Rad neben seinem. Ach ja und den Paragleitschein, den hatte ich wenige Tage davor dann auch in der Tasche.
Acht Tage nach unserem Start zu zweit in Turin sitze ich mit Timo, einem Bikepacker aus Berlin, Boran und Hrvoje, den beiden kroatischen Bikepackern, im Zug zurück nach Turin, während Alex sich aufs Rad Richtung Pyrenäen schwingt. Meine Haare noch nass vom Salzwasser, Kopf und Herz gefüllt mit wunderschönen Erinnerungen und einem dicken Grinsen im Gesicht.
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