Zwischen weiten Seen und schmalen Kanälen, stillen Wäldern und kleinen Hafenorten entfaltet sich mit der Mecklenburgischen Seenplatte die größte zusammenhängende Seenlandschaft Mitteleuropas. Wer hier mit dem Hausboot unterwegs ist, gleitet durch ein Mosaik aus Wasser und Licht und lässt sich tragen von einer Welt, in der Zeit keine Dringlichkeit kennt.

Es ist einer dieser Morgen, an denen die Luft so durchsichtig wirkt, als hätten Nacht und Nebel sie gemeinsam poliert. Über Fürstenberg/Havel hängt ein feiner Dunst, der das Ufer des Schwedtsees wie mit einem weichen Pinselstrich verwischt. Vom Deck unseres Hausboots steigt der Duft von frisch gebrühtem Kaffee auf, und während ich die Leinen löse, spüre ich jene Mischung aus Ruhe und Vorfreude, die nur das Leben auf dem Wasser hervorbringt.
Der Motor brummt sanft, kaum lauter als ein schläfriger Bär. Träge schiebt sich das Boot aus dem Hafen. Die Stadt verschwindet hinter uns, und das Panorama öffnet sich zu einer Art norddeutscher Lagune: Schilfwälder, die in breiten Wellenkämmen stehen, Schwärme von Kormoranen, die sich wie schwarze Flecken vom Himmel lösen, und ein See, der sich bei jedem Sonnenstrahl neu erfindet. Der Alltag rückt in weite Ferne.
Zwischen zwei Welten
Die Seenplatten von Mecklenburg und Brandenburg sind ein Mosaik aus mehr als tausend Gewässern, zusammengehalten von Kanälen, die an einigen Stellen so schmal sind, dass man manchmal glaubt, man passe kaum hindurch. Auf dem Wasser verliert die Zeit allmählich ihren Takt. Man gleitet sanft dahin, statt zu fahren; man lauscht, statt zu reden. Die Geschwindigkeit richtet sich nach unserem persönlichen Wunsch nach Entschleunigung – und manchmal nach einer schwimmenden Entenfamilie. Bewaldete Ufer, wo uralte Buchen ihre Wurzeln tief in das sandige Land treiben, ziehen an uns vorbei. Auf der Wasseroberfläche zeichnen sich ihre Kronen als flirrende Spiegelbilder ab, so lebendig, dass man den Impuls verspürt, sie mit der Hand glatt zu streichen. Das Boot schneidet kaum eine Spur ins Wasser. Alles wirkt federleicht.

Begegnungen auf dem Wasser
»Hausbooten begegnet man wie Wanderern in den Bergen«, sagt ein Rentnerpaar, das wir an einer Schleuse treffen. »Man grüßt, tauscht ein paar Worte – und jeder zieht zufrieden weiter.« Die Schleusen sind die Treffpunkte einer Gemeinschaft aus Freigeistern: Familien mit Kindern, die an Deck kichern; Paare, die mit einem Glas Wein auf den Anstieg des Wasserpegels warten; Abenteurer, die ihre Kajaks mühsam neben größeren Booten balancieren.
Die Schleuse öffnet sich wie eine Bühne, und wir gleiten hinaus in die nächste Szene. Vor uns liegt der Ellbogensee, ein weites, lichtes Gewässer. Eine milde Brise kräuselt seine Oberfläche, und für einen Moment hat man das Gefühl, direkt in den Himmel zu fahren. Am Horizont bricht die Sonne durch die Wolken, die Lichtkegel fallen wie Scheinwerfer auf einzelne Buchten, in denen sich der Spätsommer versteckt.
Ankern im Paradies
Am Nachmittag erreichen wir eine Badestelle, die auf keiner Karte verzeichnet ist – einer dieser Orte, an denen die Natur offenbar beschließt, die Menschen großzügig zu beschenken. Das Wasser ist klar wie Glas und warm wie ein zurückhaltender Sommer. Wir werfen den Anker, und das Boot dreht sich leicht im Wind, wie ein träger Tänzer.

Ich springe ins Wasser. Wenn ich auf dem Rücken treibe, sehe ich das Boot als weißen Klecks vor einer Wand aus Grün. Die Wälder sind nah, und doch scheint die Welt weit entfernt. Es gibt kein Motorgeräusch, keine Stimmen, keine Hast. Nur Libellen, die über die Oberfläche schießen wie blaue Funken.
Über die Grenze nach Mecklenburg
Am nächsten Tag führt uns die Route weiter hinein in die Mecklenburgische Seenplatte. Im Rücken des Windes wird das Wasser ruhiger, die Kanäle enger, die Landschaft stiller. Als würde man in ein flüsterndes Zimmer eintreten. Die Seen schimmern wie poliertes Silber, und hinter der nächsten Biegung taucht der Mirower See mit dem Schloss auf – hier ist der hochbarocke Festsaal des italienischen Stuckateurs Giovanni Battista Clerici in seiner ganzen Pracht erhalten. Wenige Kilometer später ändert sich die Stimmung. Statt großer, offener Wasserflächen erwartet uns eine beinahe intime Szenerie. Die Bäume beugen sich über den Kanal, als wollten sie ihn beschützen. Sonnenflecken tanzen auf der Bordwand, und das »Plopp« der Wassertropfen vom Bugrhythmus wird zu einem beruhigenden Mantra.
Am späten Vormittag kommen wir durch eine weitere Schleuse. Ein paar größere Motoryachten passieren uns in gemächlichem Tempo. Für einen Moment fühlt es sich an, als sei man aus einem Märchenwald in die Realität zurückgekehrt. Doch nur kurz – denn hinter der nächsten Einfahrt lockt der Mirower Kanal mit der Kleinen Müritz, wieder ein Stück Stille. Und eine weitere erholsame Station auf der Tour.
Kleine Landgänge
Immer wieder legen wir an – in der Nähe von einigen kleinen Orten mit Backsteinfassaden, die aussehen, als hätten sie einiges gesehen und so gut wie nie Eile gehabt.
Wir essen in einer kleinen Gaststätte direkt am Ufer: Fisch aus den Seen, Kartoffeln aus der Region, ein kühles Bier. Gegenüber der Terrasse schaukeln Boote im Abendlicht, während ein Reiher wie ein strenger Aufpasser am Ufer steht.
Der Augenblick, der bleibt
Wir bleiben eine Nacht im Stadthafen der beschaulichen Stadt Waren (Müritz) bevor es in den nächsten Tagen wieder zurück nach Fürstenberg geht. Das Licht hat sich verändert – weicher, goldener, als wolle der Tag seine letzten Minuten dehnen. Ein leichter Wind kräuselt hin und wieder die Oberfläche des Wassers, und das Boot schaukelt langsam und leise von einer Seite zur anderen.
Wir sitzen auf dem Deck, die Füße über dem Wasser baumelnd, und schauen in die langsam fallende Nacht. Geräusche werden weniger. Erst verschwindet der Motor eines weit entfernten Boots, dann das Rascheln im Schilf. Schließlich bleibt nur das leise Klatschen der Wellen an der Bordwand. Es ist einer jener seltenen Augenblicke, in denen man spürt, dass Zeit nicht vergeht, sondern sich ausbreitet. Dass Ruhe kein Zustand, sondern ein Ort ist. Und dass dieser Ort – zwischen Himmel und Wasser – uns noch eine ganze Weile begleiten wird.


