Von Lissabon auf kaum frequentierten Nebenrouten durch den fruchtbaren Alentejo mit seinen unendlichen Weinbergen, Kornfeldern und Olivenplantagen, vorbei an megalithischen Kultstätten, römischen Altertümern und mittelalterlichen Burgen zu den spektakulären Felsenlandschaften und traumhaft schönen Stränden der Algarve.

Was für ein Start! Was für ein Taumel der Glückshormone! Kaum zwanzig Minuten nach Übernahme des Leihmobils zünden unsere Synapsen schon das erste Feuerwerk vor Freude. Die Vasco da Gamma-Brücke ist mit 17,2 Kilometern eine der längsten Brücken der Welt. Die Spannweite zwischen den 155 Meter hohen Pylonen beträgt 420 Meter. Die Fahrbahn befindet sich auf über 50 Metern über dem Meeresspiegel. Pünktlich zur EXPO 1998 haben nur 3.300 Arbeiter dieses Wunderwerk der Technik in rund 18 Monaten hingestellt. Die nackten Fakten sind schon beeindruckend, aber das Fahrgefühl in dieser Höhe mit dem Tiefblick auf riesige Kreuzfahrtschiffe, Segeljachten und das Mündungsdelta des gewaltigen Tejos erzeugt Gänsehaut. Am liebsten würden wir in Endlosschleife über die Brücke brettern.
Highlight des Alentejo
Kaum auf der N4 entdecken wir an die 50 Storchenpaare, die in den Stützpfeilern der Überlandleitungen nisten. Auf der Landstraße queren wir Portugal schnurstracks von West nach Ost. Auf der A6 geht es weiter nach Evora, in das Herz des Alentejo Central. Wir haben Glück. Finden gleich außerhalb der Stadtmauer einen Parkplatz an der Porta do Raimundo. Über die Jahrtausende haben Kelten, Römer, Goten und Mauren der Stadt ihren Stempel aufgedrückt. Die Summe der Kulturgüter ist überwältigend. Aus diesem Grund wurde Evora bereits 1986 zum Weltkulturerbe der UNESCO ernannt. Das Prunkstück Evoras ist die Kathedrale der heiligen Maria, die schlicht »Sé« genannt wird. Die größte, mit massiven Zinnen, bewehrte Kathedrale Portugals wurde vom 12. bis zum 15. Jahrhundert im Stil mehrerer Epochen erbaut.
Der deutsche Barockbaumeister Johann Friedrich Ludwig hat im 18. Jahrhundert das Kirchenschiff mit rosafarbenem, grünem und weißem Marmor aus Estremoz, Sintra und Carrara ausgestaltet – ein wahrer Blickfang. Der Aufstieg zum mächtigen, fast flachen Dach kostet extra, aber das 360-Grad-Panorama ist den Obulus wert. Unweit davon ragen die unglaublich gut erhaltenen Säulen eines Diana-Tempels in die Höhe. Und gleich daneben verlocken ein paar Kioske unter schattigen Platanen zu einer Rast. Wir gönnen uns einen Café Galão und eine Pastel de Nata, das portugiesische Nationalgebäck aus Blätterteig mit Pudding gefüllt. Eine Prise Zimt darüber, so lecker. Den Premiumblick auf römische Altertümer gibt es gratis dazu – wunderbar.
Einen weiteren Superlativ des Alentejo Central, das Cromeleque dos Almendres, erreichen wir kaum eine halbe Fahrstunde westlich von Evora. Scheinbar hat die Konzentration der Flüsse Tejo, Sado und Guadiana besonders fruchtbare Bedingungen geschaffen, sodass die nomadisierenden Jäger- und Sammlerkulturen dort frühzeitig zur Sesshaftigkeit bedingenden Agrarwirtschaft übergingen. Denn hier bei Almendres entdeckte man eine circa 7.000 Jahre alte Kultstätte des Megalithikums – immerhin rund 2.000 Jahre älter als die Großsteinanlage im englischen Stonehenge.

Auf kaum frequentierten Nebenstraßen schwelgen wir weiter über sanfte Hügelketten. Malerische Weinberge rücken ins Bild, dominieren bis zum Horizont. Der gesamte Alentejo ist eine vom lieben Gott gesegnete Kulturlandschaft. Weinberge wandeln sich zu schier endlosen Kornfeldern.
Von hier aus sind es nur noch wenige Kilometer bis zur Kreisstadt Serpa, die uns schon von Weitem durch ihre mächtige Stadtmauer mit den zahllosen Zinnen ins Auge sticht. Es war einmal mehr König Dinis, welcher hier die Mauren endgültig besiegte und im 13. Jahrhundert die Burg erweitern ließ. Das aus römischen Zeiten stammende Aquädukt und das Stadtzentrum schloss er gleich großzügig mit ein. Somit wirkt Serpa wie ein mittelalterliches Gesamtkunstwerk.
Hart an der spanischen Grenze fahren wir entlang schier endloser Olivenplantagen, an deren Rändern Palmen gedeihen, auf der N265 über Guadalupe, Santa Iria, Vales Mortos nach Montalvo. Bei Mina de São Domingos wechselt die Landschaft. Inmitten ausgedehnter Pinienwälder überrascht eine kleine Seenplatte. Am Ausflugssonntag tummeln sich auf den Mini-Seen massenhaft aufblasbare Einhörner und Tretboote. Wir nutzen die Option für einen Sprung ins Süßwasser und ein Eis in der nahen Ausflugsgaststätte. Hier im Landkreis Metsola wurde bis ins Jahr 1966 Schwefel, Kupfer, Zink abgebaut, sowie ganz nebenbei noch ordentlich Silber und Gold aus den Erzen gewaschen. Kurz vor Metsola erinnert ein Verkehrskreisel mit einem riesigen stählernen »Minero«, einem Bergmann in voller Montur, an diese Epoche. Metsola selbst, das zu römischen Zeiten noch Myrtilis hieß, liegt am Zusammenfluss von Oeiras und Guadiana, und war seit jeher schon ein Handelsknoten. Auf der N267, einer Landstraße mit kaum nennenswertem Verkehrsaufkommen, fahren wir westwärts.
Die N2 führt uns südwärts nach Ameixial, wo wir in ein großes Motorradtreffen geraten. Aufgepimpte Roller, knatternde Zwei-Takter-Mopeds, Beiwagengespanne mit Opas und Enkeln flitzen kreuz und quer durch die Stadt.
Es stinkt nach verbranntem Gummi, weil unter dem Applaus der Menschenmenge immer wieder Reifen zum Platzen gebracht werden. Es ist ein kleines, immens herzerwärmendes »Fast & Furious-Festival« für alle Kubik- und Altersklassen.
Auf kurvenreichen Bergstraßen mit bestem Autokino überqueren wir die Serra do Caldeirão und kurbeln durch bis nach Fuseta an der Algarve. Mit einer Mini-Fähre queren wir noch schnell die seichte Lagune Praia da Barra Velha. Fast weißer Sand, hellblaues Wasser – kaum Leute. Die vorgelagerte Barriereinsel beschert uns paradiesische Verhältnisse für den ersten Sprung in das Salzwasser des Atlantiks. Im nahen Parque Camping Fuseta bekommen wir gerade noch einen der letzten drei Stellplätze.
Küstenabschnitt Al Gharb
Der Abschied fällt uns schwer. Aber wir wollen den Naturpark Ria Formosa bei Faro sehen. Mit dem Wohnmobil nach Faro rein? Machbar, aber könnte stressig werden. Wir lassen das Zentrum Faros links, südlich liegen und steuern außen herum, am Flughafen vorbei zur westlich vorgelagerten Halbinsel Praia de Faro. Dort liegt der städtische Campingplatz auf einer messerschmalen Strandsichel zwischen dem Atlantik und einem winzigen Kanal. Für 2,80 Euro schippern kleine Fähren direkt zum Anleger im Zentrum der Altstadt.

Die Bootstour zum Parque Natural de Ria Formosa ist ein Muss. Ein einzigartiges Lagunensystem, das sich je nach Gezeiten und Windrichtung ständig verändert. Flamingos, Geier, Waldschnepfen, Eisvögel und das äußerst seltene Purpurhuhn lassen sich in diesem 18.000 Hektar großen, bis zur spanischen Grenze reichenden Areal wunderbar beobachten. Kurios, der stark frequentierte Flughafen Faro liegt in Sichtweite, grenzt direkt an die Lagune. »Aber, die Vögel haben sich an ihre großen Verwandten gewöhnt«, erklärt Carlos unser Bootsführer, der uns sofort mit Fernstechern und Vogellexikon ausstattet. Carlos schippert auch zur Ilha Deserta, der südlichen Barriereinsel. Ein paar Sonnenschirme, kilometerlanger Sandstrand … und, was der »verlassenen Insel« noch die Kirsche auf der Sahne verleiht: mittendrin nur ein Restaurant, das sich architektonisch genial in die Dünenlandschaft duckt. Das mehrfach prämierte Estaminé reicht schon zur Vorspeise Austern, gegrillte Sardinen, eingelegten Oktopus, Thunfischcreme und ofenfrisches Brot. Ein günstiger Gourmet-Tempel mit sensationellem Ausblick auf den Traumstrand.
Wir machen einen Satz nach Lagos, wo wir zum Glück im Parque de Campismo da Trindade noch einen Platz bekommen. Der Platz wirkt etwas in die Jahre gekommen, aber er beherbergt ein herrlich- alternatives Publikum. Die Sanitäranlagen funktionieren einwandfrei. Links und rechts vom Eingang gibt es urige und obendrein sehr günstige Restaurants – und was entscheidend ist, der Platz liegt nur wenige Minuten zu Fuß vom Stadtzentrum entfernt.
»Al Gharb«, der Westen, nannten die Mauren den gut 200 Kilometer langen Küstenabschnitt am äußersten Rand Europas. Vorher siedelten an der heutigen Algarve schon Phönizier, Karthager, Griechen, Römer und sogar Goten. Ein kleiner Spaziergang von der Flussmündung der Ribeira de Bensafrim Richtung Süden, auf der Avenida dos Descobrimentos, der Straße der Entdeckungen, huldigt der postarabischen Epoche. Heinrich der Seefahrer (1394-1460), der von Lagos seine großen Kapitäne in die weite Welt entsandte, ruht hier auf einem Steinsockel. Selbstverständlich mit Blick aufs Meer. Der heilige Gonçalo, etwa 100 Meter weiter, genießt einen noch besseren Blick. Direkt auf den alten Hafen und das von Palmen gesäumte Forte de Ponta da Bandiera, eine gut erhaltene Wehranlage mit Zugbrücke und kanonentauglichen Schießscharten. Der nahe Praia dos Estudiantes, ein kleiner Stadtstrand, wird von ein paar schnuckligen Kiosken und Cafés flankiert und gilt als Treffpunkt der Jugend. Dort wo einst Karavellen reich beladen mit exotischen Gütern anlandeten und Portugal auf Grund seiner großartigen Seefahrer zur Weltmacht im Atlantik aufstieg, haben sich mittlerweile SUPund Kajak-Verleiher postiert. Tourismus ist die neue Einnahmequelle. Die Werbebilder wirken überzeugend. Wir buchen sogleich eine SUP-Tour für den nächsten Morgen.
SUP-Abenteuer in der Algarve
Es ist noch nachtschlafende Zeit und stockfinster, als wir zum Praia Dona Ana aufbrechen. Artur Conceição von SUP-Adventours begrüßt unsere morgentlich-maulfaule Gesellschaft herzlich. Teilt uns Boards, Paddel und Neoprenanzüge zu. Erklärt die Basics. »Wer noch nicht eingecremt ist, hat jetzt noch die Chance, später auf dem Board wird es komplizierter«, ergänzt er. Anfangs bewegen wir uns noch schweigend wie eine Prozession von Büßern, die sich den Meeresgöttern opfern will, durch das maritime Halbdunkel.

Urplötzlich taucht der aufgehende Feuerball unsere SUP-Gruppe in ein magisches Licht. Bei jedem Paddelschlag leuchten kleine Funkenfeuer in der Bugwelle des Boards. Die zerklüftete Felsenwelt vor Lagos errötet wie ein kleiner Junge, der beim Lügen ertappt wurde. Die Sone färbt diesen Scherenschnitt der Algarve wie im Zeitraffer. Malt Felstürme, Zinnen und Zacken von quietschgelb bis blutrot. Coloriert Palmen am Rande der Klippen sattgrün. Lässt das Wasser des Atlantiks saphirblau leuchten.
Heureka, was ein paar Sonnenstrahlen doch ausmachen. Jetzt, da das Quecksilber hart an die 30 Grad schrammt, jubeln wir förmlich vor Entzückung. Es herrscht Windstille. Die See liegt bretteben vor uns. Die Boards gleiten wie von allein. Praia do Camilo, Praia dos Pinheiros, Praia da Balança – paddelnd passieren wir einen Bilderbuchstrand nach dem anderen. Bestaunen diesen bizarren Felsenzirkus mit ehrfürchtig geöffneten Mündern. Hüpfen zum Abfrischen immer wieder ins Meer. Bei Ponta da Piedade hat die niemals ruhende Erosion, im Schulterschluss mit dem gelegentlich sicher heftigeren Wellengang des nagenden Salzwassers, zahllose Grotten und Steinbögen aus den circa 30 Metern steil abfallenden Felswänden herausgefräst. Ein paradiesisches Labyrinth für Stand-up-Paddler.
Grandioser SUP-Spaß
Unseren zweiten Streich auf dem SUP starten wir in Sagres. Jean-Louis Feunteun holt uns mit seinem uralten Land Rover im Stadtzentrum ab. »Der Wagen hatte bereits neunmal die Camel Trophy und dreimal die Rallye Paris-Dakar hinter sich, ehe ich ihn von Frankreich nach Portugal exportiert habe«, erzählt er uns stolz, während er über schmale Straßen zur Praia da Ingrina lenkt. Gemeinsam laden wir den Hänger ab. Ein kurzes Briefing und schon geht es westwärts an der Felsenküste lang. Die Formationen sind von außen betrachtet nicht ganz so spektakulär wie in Lagos, dafür bescheren uns die zahlreichen Höhlen grandiosen SUP-Spaß.
Die Tide ist schon vorangeschritten und das Meer gut spürbar. Jean-Louis gibt uns immer das Signal für die richtigen Wellen. Schon reiten wir mit einem Affenzahn durch Tunnels. Fühlen uns wie Indianer Jones in der Waschmaschine. Landen in löchrigen Höhlen, wo das Sonnenlicht bis auf den Meeresgrund durchstrahlt und das Wasser fast schon neongrün färbt. Der Austritt aus diesem ozeanischen Bergwerk zeigt einen einzigen Lichtblitz. Es ist wie der Übergang in eine neue Dimension, fast schon eine Wiedergeburt. Vollkommen überwältigt paddeln wir zur Praia do João Vaz, wo wir in einem natürlichen Gezeitenpool pausieren. Und während uns die überschwappenden Wellen zusätzlich in andere Sphären schaukeln, philosophiert Jean-Louis mal drauf los: »An Vollmond finden hier schon seit den 60ern wilde Partys statt … Zuerst waren es die Hippies, dann kamen die Punks, später die Veganer – heute sind es die Pharmazeutiker.«
Nein, nach diesem Trip benötigen wir wahrlich keine extra Pillen mehr. Belohnen uns beim Leuchtturm von Cabo de São Vicente viel lieber mit der »Letzten Bratwurst vor Amerika« und einer Büchse Bier. Die beiden Verkäuferinnen aus Wien und Hamburg jonglieren pausenlos mit original Thüringern, radebrechen in zig Sprachen. Der Imbiss am Ende der Welt ist längst Kult. Kein Wunder, zur leckeren Bratwurst gibt es den Blick über die knapp 60 Meter jäh abfallenden, westlichsten Steilklippen Europas gratis dazu – ein unschlagbares Duo. Der knallrote Leuchtturm wird von einer sehenswerten polygonalen Festung umringt.
Auf dem Rückweg nach Sagres sehen wir etliche wilde oder halblegale Camperbuchten, die fest in der Hand von Surfern sind. Sagres selbst ist auch ein richtig cooles Surfer-Kaff. Im Zentrum wird sogar der Stadtname auf einer Surfboard-Installation zur Schau gestellt. Gleich vis-a-vis reihen sich etliche gemütliche Kneipen und Bars aneinander. Wir landen zum Warm-up im Aqua Salgada, genießen einen leckeren Burger und hervorragend gemixte Drinks. Schlendern an den Barhockern vorbei in den großen Innenhof zum Bossa Brew House. Einer neu eröffneten Craft-Brauerei mit exzellentem Restaurant. Unsere Henkersmahlzeit am Ende der Welt markiert leider das baldige Ende unserer kongenialen Wohnmobiltour in den Süden Portugals. Schon morgen Mittag müssen wir unser liebgewonnenes Gefährt in Lissabon zurückgeben. Aber vorher fahren wir nochmal über die Vasco da Gama-Brücke und drehen die Musik bis zum Anschlag auf.
Das Fahrzeug wurde von Roadsurfer bereitgestellt. Sowohl die Einweisung als auch der Service vor Ort waren hervorragend. Praktische Hinweise zu Maut- und Straßengebühren sorgten für einen unkomplizierten Reisestart. Die Anfahrt zur Station kostet mit Uber etwa 20 bis 30 Euro.
Weitere Infos: roadsurfer.com
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