In der Sonnenstube der Schweiz erwarten Gravelbiker aussichtsreiche Routen vom Luganersee bis hinauf ins bergige Malcantone. Immer eng verknüpft mit mediterranem Flair, Genussmomenten in traditionellen Restaurants und dem Tessiner Merlot.

Der April weiß so gar nicht, was er will. Wie Preise auf dem Basar steigen und fallen die Temperaturen, von minus zwei bis plus 16 Grad ist alles geboten. Will man dem Wetterbericht glauben, kommt die Reise in den Schweizer Kanton Tessin gerade recht: 20 Grad und Sonne, so weit die Vorhersage reicht. Sechs Stunden Zugfahrt ab München trennen Jesús und mich von Lugano. Die größte Stadt des Tessins ist gleichzeitig wirtschaftliches Zentrum der italienischen Schweiz und geprägt von ihrer Lage am Luganersee zwischen südlichem Flair und alpiner Topografie. Hier wollen wir zwei der drei neuen Gravelbike-Routen ausprobieren, die Lugano Region Ende letzten Jahres lanciert hat. Die neuen Rundtouren ergänzen die große Lugano-Gravelbike-Tour und erkunden die Lugano Peninsula, die Malcantone Hills und den Vedeggio River.
Auf den Touren wird uns Guide Yuri begleiten. »Ich mag es, wenn man sich die Dinge erarbeitet und nicht alles als gegeben sieht«, wird er uns später sagen. Obwohl er sich damit eigentlich auf seine Wohnsituation bezieht, könnte es gleichzeitig ein Motto für unsere Touren sein. Denn ein Stück Arbeit liegt vor uns, als wir um 9 Uhr die Garage des Bikeverleihs »2wheels Rental« in Lugano verlassen. »Am Vormittag werden wir auf leichten Mountainbike-Trails fahren«, sagt Yuri – und ich bin entzückt vom Gedanken, abseits des Verkehrs auf schmalen Pfaden die Berge der LuganoHalbinsel zu erklimmen.
Trail statt Boulevard
Dass ich nicht im Sattel eines Mountainbikes sitze, habe ich im jugendlichen Übermut übersehen. Ein paar Serpentinen hinauf, vorbei an palmenbestandenen Villen, überholt von protzigen Elektroautos im XXL-Format. Dann sind wir in der Stille, im Wald, auf holprigem Grund. Die höheren Lagen der Peninsula machen es Gravelbikern gar nicht mal so leicht. Yuri fährt über Stock und Stein voraus – Jesús und ich kleinlaut hinterher. »Ich bin mit dem Gravelbike durch Georgien geradelt, und ein paar Monate lang durch Südamerika«, erzählt unser Guide beiläufig, während wir uns einen leichten Mountainbike-Trail durch den Kastanienwald hinaufkämpfen. Angesichts der Touren, die Yuri sonst so in seinem Leben zu absolvieren scheint, sind wir ganz zufrieden, dass wir ohne Gepäck unterwegs sind und unsere leichten Bikes auch mal klammheimlich über Grobes auf dem Weg schieben oder tragen können. Auch wenn mir die Schwerkraft vorkommt wie ein mürrischer Buchhalter, der jeden Höhenmeter ohne Nachlass einfordert.
…








