Schon die alten Römer hatten Kenntnis von den geheimnisvollen Klüften in den Alpen, die glitzernde Bergkristalle in sich bargen. Man glaubte lange Zeit, es sei uraltes Eis, das nicht mehr schmelzen könne, und war fasziniert. Heute weiß man viel mehr über diese Prachtstücke aus dem Erdinneren, doch die Faszination ist dieselbe. Kein Wunder also, dass manch einer die größten Mühen auf sich nimmt und als „Strahler“ jene Schätze der Natur ans Tageslicht holt!

Ganz früh am Morgen geht es los. Noch ist es bitterkalt hoch oben am Berg, doch die Männer haben einen kleinen Anmarsch von ihrem Biwak bis zum Einsatzgebiet vor sich. Geschickt bewegen sie sich im unwegsamen Gelände. Man merkt, sie sind nicht zum ersten Mal vor Ort. Trotzdem ist es nicht ganz ungefährlich, wie immer im Hochgebirge. Steinschlag droht, und noch mehr, seit der Permafrost zurückgeht, aber auch das Wetter zeigt sich manchmal unberechenbar, schlägt urplötzlich um von sommerlichen Verhältnissen in winterliche. Dann ist es gut, nicht allein unterwegs zu sein auf der Suche nach einer lohnenden Kluft oder bei der anstrengenden Arbeit in den engen Hohlräumen und Spalten.
Auf der Jagd nach den Halbedelsteinen
In der Schweiz wie in Teilen Österreichs, und dort insbesondere im Zillertal, galt das Strahlen über Jahrhunderte bei den Bauern und später auch unter Bergführern als wichtige zusätzliche Erwerbsquelle. So zog es schon Jacques Balmat aus Chamonix als Kristallsucher in die Berge, ein einfacher Bergler, dem 1786 im beginnenden Alpinismus – mit der Aussicht auf eine hohe Belohnung – die Erstbesteigung des höchsten Gipfels der Alpen, des Mont Blanc, gelang. Und wer 200 Jahre später den Bergführer und Solo-Erstdurchsteiger der Eiger- Nordwand, Michel Darbellay, im Schweizer Wallis am Fuße des Mont Blanc besuchte, der konnte sicher sein, ein kleines Andenken in Form eines funkelnden Kristalls mit nach Hause nehmen zu dürfen. Eine Leidenschaft, die bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat. Denn nach wie vor suchen Strahler, darunter immer noch einige hauptberuflich, die Berge nach jenen mineralführenden Gesteinszügen und Quarzbändern ab. Sie wagen sich mit Hammer, Meißel und schwererem Gerät in Klüfte, Spalten und Höhlen vor, stets in der Hoffnung auf einen lohnenden oder ganz besonderen Fund.
Bekannt als Strahlerdorf ist Guttannen im Nachbarkanton Bern, das einst ein wichtiger Stützpunkt als oberste Siedlung an der Grimselstraße vor der Passhöhe war. Immer wieder wurden im Aaregranit des Grimsel mächtige Kristallklüfte mit gleißenden Quarzstufen entdeckt, darunter der farblose Bergkristall, der braune und der schwarze Rauchquarz, der auch Morion genannt wird. Von Stufen spricht man übrigens, wenn mehrere Einzelkristalle zu Gruppen miteinander verbunden sind.
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